Sie konnten es einfach nicht mehr 

Was ich sah, als ich zehn Bereichsleiter zwang, eine Stunde lang allein zu denken. 

16.10.2026

Sie konnten es einfach nicht mehr 

Was ich sah, als ich zehn Bereichsleiter zwang, eine Stunde lang allein zu denken. 

16.10.2026

“Jetzt bin ich mal gespannt, was da rauskommt.” 

Das sagte der Geschäftsführer zu mir, kurz bevor er den Raum verließ. Er klang nicht überzeugt. 

Ursprünglich wollte er den ganzen Tag dabei sein. Zehn Bereichsleiter, ein Workshop, und er hatte ein klares Anliegen: Er wünschte sich mehr Ideen und mehr Initiative von seinen Leuten. 

Ich habe ihn gebeten zu gehen. Kurz am Anfang dabei sein und seine Erwartungen formulieren. Dann mich und die Bereichsleiter sechs Stunden arbeiten lassen. Am Ende, wie ein VC, sich die Ergebnisse vorstellen lassen. Nicht weil er stört, sondern weil er prägt. Wenn der Chef im Raum sitzt, richten sich alle an ihm aus, meist ohne es zu merken. 

Was ich ihm vorher nicht erzählt habe: Ich wollte an diesem Tag nicht planen lassen, sondern arbeiten. Am Ende sollte etwas da sein, das vorher nicht da war, und zwar nichts nach innen Gerichtetes, sondern etwas, das bei Kunden ankommt. Dafür hatte ich Fokus-Sessions eingebaut. Sechzig Minuten, in denen jeder für sich allein an seinem Thema arbeitet. 

Ich habe mich damit ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Eine Wette auf mich, vor allem aber eine Wette auf die zehn. Die ich aber voller Zuversicht immer wieder eingehe. Denn Passivität und fehlende Initiative liegen nach meiner Überzeugung und Erfahrung selten an den Persönlichkeiten. Sie liegen fast immer am Kontext. 

Bei den Fokus-Sessions bin ich durch den Raum gelaufen wie ein Klassenlehrer. 

Was ich gesehen habe 

Nach wenigen Minuten saßen Teilnehmer wieder in Gruppen zusammen und diskutierten über ihre Ideen. Nicht aus Trotz, sondern weil es sie einfach dorthin zog. 

An mehreren Laptops blinkten im Minutentakt Mail-Benachrichtigungen auf, während im Hintergrund die Handys brummten. Ich musste die Teilnehmer quasi dazu zwingen, alles auszuschalten und sich eine Stunde lang mit einer einzigen Sache zu beschäftigen. 

Mein Erstaunen kam daher, wie schwer ihnen das fiel. Diese zehn Menschen sind kompetent und erfolgreich. Sie konnten es trotzdem nicht mehr. 

Das hat mich noch Tage danach beschäftigt. 

Ein gesellschaftliches Problem 

Ich glaube, dass wir es hier mit etwas zu tun haben, das weit über diesen einen Raum hinausgeht. Wir verlernen gerade, fokussiert zu arbeiten, und damit verlernen wir, fokussiert zu denken. 

Die Aufmerksamkeitsökonomie der Social-Media-Wirtschaft lebt davon, uns in immer kürzeren Abständen abzuholen. Dazu kommt eine digitale Kommunikation, in der jeder jederzeit erreichbar ist und diese Erreichbarkeit inzwischen auch erwartet wird. Das Ergebnis ist eine Defragmentierung der Arbeit, bei der wir ständig hin und her springen, ohne es noch als Störung wahrzunehmen. Dringlichkeit schlägt Relevanz, und zwar so zuverlässig, dass es niemandem mehr auffällt. 

Hinzu kommt eine Entwicklung, die noch jung ist und die ich nicht abschließend einschätzen kann. KI und zunehmend auch KI-Agenten nehmen uns immer mehr kognitive Arbeit ab. Ich nutze das selbst täglich und will es nicht mehr missen. Gleichzeitig beobachte ich bei mir und bei anderen, wie verlockend es ist, nicht nur das Recherchieren und Formulieren abzugeben, sondern das Denken gleich mit. 

Und ein organisationales 

Parallel dazu existiert ein Problem, das in Organisationen entstanden ist und eng mit dem ersten zusammenhängt. 

Es wird immer mehr besprochen und immer weniger gearbeitet. Meetings, in denen informiert, diskutiert und am Ende vertagt wird, füllen die Kalender von Führungskräften inzwischen fast vollständig aus. Was in diesen Terminen fast nie passiert, ist die Arbeit selbst. 

Die ist anstrengend, denn es muss drangeblieben werden. Es ist verlockend, die Lösung von Problemen zu vergemeinschaften. Beim ersten Denkwiderstand andere zu fragen und immer häufiger auch die KI. Selbst durch das Tal der Langeweile und Ahnungslosigkeit zu gehen, ist mühsam und braucht Hartnäckigkeit. Beides ist in unserer Arbeitswelt nicht mehr besonders hoch angesehen. 

Wir sind Gewöhnungstiere, das ist Human Nature. So halten wir irgendwann diese Art zu arbeiten für normal und klagen gleichzeitig über zu wenig Zeit und zu viel Überforderung, ohne einen Zusammenhang zwischen beidem zu sehen. 

Was in der zweiten Session passierte 

Nach der ersten Runde wurde es leichter. Nicht weil sich die Teilnehmer mehr angestrengt hätten, sondern weil sie einmal erlebt hatten, wie es sich anfühlt, und weil der Rahmen stand, aus dem niemand herausfallen konnte. So beobachtete ich Teilnehmer, die für 45 Minuten vertieft nur eine Sache gemacht haben. Sie haben danach berichtet, wie die Zeit im Flug vergangen ist, und waren positiv überrascht, was sie in dieser Zeit alles geschafft haben. 

Am Ende des Tages kam der Geschäftsführer zurück. Er bekam sieben Projekte vorgestellt, alle mit klarem Kundenbezug. Einer der Bereichsleiter hatte seinem Kunden das Angebot noch im Workshop zugeschickt. 

Er war sehr positiv überrascht. Am meisten davon, dass gute Ideen von Teilnehmern kamen, bei denen er es nicht erwartet hätte. Und er selbst hatte in diesen sechs Stunden an seinen eigenen Themen arbeiten können. 

Verändert hat sich nicht die Disziplin der Beteiligten. Verändert hat sich der Kontext, in dem sie gearbeitet haben. 

Drei Fliegen mit einer Klappe 

Genau deswegen bin ich überzeugt, dass echte Workshops mit eingebauten Fokus-Zeiten zu den unterschätzten Formaten in Organisationen gehören. 

Die Arbeit wird tatsächlich gemacht, statt besprochen und vertagt. Die Beteiligten trainieren dabei etwas, das sie für sich kaum noch hinbekommen, nämlich konzentriertes Alleinarbeiten. Und in den Pausen zwischen den Sessions entsteht genau der soziale Austausch, den sich alle von Meetings erhoffen und dort selten bekommen. Weniger Gossip, mehr “Was hast du für unsere Kunden gemacht?” 

So paradox es klingt: Fokussiertes Alleinearbeiten lässt sich gut in der Gruppe trainieren. Alleine und ohne Anleitung schaffen es die wenigsten, mich eingeschlossen. Das ist übrigens einer der wenigen wirklich wertschöpfungsorientierten Gründe, Menschen an einen Ort zu holen. Nicht um sie zu sehen, sondern damit sie zusammen in einen Modus kommen, den sie allein kaum noch erreichen. 

Was ich bei mir selbst sehe 

Ich bin von all dem nicht ausgenommen, im Gegenteil. 

Wenn mir langweilig wird, zieht meine Hand automatisch zum Handy. Hand hoch, wem das genauso geht. Seit zwei Wochen übe ich mich darin, bei jedem Griff zum Handy kurz innezuhalten und stattdessen in einem Buch zu lesen. Also habe ich ab jetzt immer ein Buch dabei. Jedes Mal, wenn es mir gelingt, feiere ich mich, um das Muster zu verstärken. Und ich fühle mich ganz cool, wenn ich öffentlich kein Handy, sondern ein Buch in der Hand halte. 

Zwei Dinge, die Sie ausprobieren können 

Reduzieren Sie die Zahl Ihrer Meetings oder wandeln Sie sie in echte Workshops um. Nicht in Veranstaltungen, in denen diskutiert und geplant wird, sondern in solche, an deren Ende etwas fertig ist. Bauen Sie dort Fokus-Sessions von sechzig Minuten ein, in denen jeder allein an einer Sache arbeitet, und machen Sie zur Bedingung, dass alle Geräte dabei aus sind. Nicht leise, sondern aus. Rechnen Sie damit, dass die erste Runde unangenehm wird, und lassen Sie sich davon nicht beirren. 

Und blockieren Sie sich persönlich zum Start des Tages sechzig Minuten im Kalender, bevor das erste Telefonat geführt und die erste Nachricht gelesen wird. Das Thema legen Sie am Vorabend fest, damit die Stunde nicht mit Suchen beginnt. Das Handy liegt außerhalb der Reichweite, das Mailprogramm bleibt geschlossen. 

Der unternehmerische und persönliche Hebel daraus ist gewaltig, und er zeigt sich schneller, als die meisten erwarten. 

Eine Frage 

Wann haben Sie zuletzt eine Stunde am Stück über ein einziges Thema nachgedacht?