Wenn die KI empfiehlt, jemanden zu entlassen.
Warum Unternehmer in den nächsten 12-24 Monaten entscheiden sollten, was KI darf und was nicht.
20.02.2026
Ein Unternehmer sitzt vor seinem KI-Dashboard.
Die KI hat Dutzende Muster erkannt. Kulturmuster. Entscheidungsmuster. Kommunikationsmuster.
Drei davon stachen heraus:
Budgetentscheidungen werden fast immer ohne Team Y getroffen.
Eine Führungskraft wird bei Konflikten systematisch übergangen.
Führungskraft X blockiert Entscheidungen.
Dann scrollt er weiter. Und die KI gab diese Empfehlung:
“Ich empfehle, Person X zu entlassen.”
Er schaut hilflos auf den Bildschirm.
Das ist keine hypothetische Szene. Das ist eine Entscheidung, die jeder Unternehmer bald treffen muss: Was darf die KI empfehlen? Und was darf sie entscheiden?
KI auf drei Ebenen
KI verändert, wie Unternehmen Wertschöpfung betreiben.
Das wird unterschätzt. Gleichzeitig, aber auch überschätzt.
Wenn man in die Arbeit in den Abteilungen von Unternehmen schaut, ist die Realität erstaunlich analog. Rückständig. Zwischen den technischen Möglichkeiten und der Realität in den Unternehmen ist eine große Lücke.
Aber KI wird kommen.
Und es wird zum ersten Mal kein Tool sein, das wir erfunden haben.
Die Frage ist nicht mehr, ob KI relevant wird. Die Frage ist: Auf welchen Ebenen ist sie relevant?
Aus unternehmerischer Perspektive gibt es drei Ebenen:
Narrow AI – KI für Effizienz in der Wertschöpfung. Ein Sägewerk nutzt KI für Predictive Maintenance: Wann wird das Sägeblatt stumpf?
Systemebene – KI für Mustererkennung. Sie erkennt: “Budgetentscheidungen werden ohne Team Y getroffen.” Kulturmuster. Strategische Vorschläge. Für die Arbeit am System.
Persönlich – KI als Coach. Ein Vertriebsleiter hat einen KI-Coach, der seine Verkaufsgespräche analysiert und Feedback gibt.
Dieser Newsletter fokussiert auf die zweite Ebene.
Warum? Weil sie am wenigsten verstanden wird. Und weil sie die größte Hebelwirkung hat.
KI als Partner für die Arbeit am System
Die meisten Unternehmer nutzen KI für Texte. Für Zusammenfassungen. Für Effizienz.
Das ist wichtig. Aber es ist nicht die größte Chance.
Die größte Chance liegt in der Mustererkennung.
KI kann analysieren, wie in einer Organisation kommuniziert wird. Wie entschieden wird. Welche Muster sich wiederholen.
Sie kann tabuisierte Themen erkennen. Zwischen Beschäftigung und Arbeit unterscheiden. Sie kann analysieren, wie Entscheidungen getroffen werden. Wie klar Begriffe verwendet werden. Wie präzise Aufgaben delegiert werden. Wie hoch die Missverständnisquote ist.
All diese Fragen zielen darauf ab, Kommunikations-, Erwartungs- und Entscheidungsmuster zu erkennen.
Diese Muster werden an den Unternehmer und das Führungsteam zurückgespiegelt. Ergänzt mit guten Fragen. Damit das Führungsteam bessere Entscheidungen treffen kann, wie die Zusammenarbeit strukturiert und organisiert wird.
Das ist die eine Ebene.
Die andere Ebene betrifft die Wertschöpfung und die Strategie.
Markt- und Kundenanalyse. Wettbewerbsbeobachtung. Best-Practices. Wissenschaftliche Erkenntnisse. F&E, Zukunftsszenarien.
Hier erarbeitet die KI Einsichten, Fragen und Lösungsideen für die Ausrichtung und Gestaltung der Wertschöpfung.
Das ist Strategiearbeit.
Schneller, individueller und günstiger als klassische Unternehmensberatung.
Die Voraussetzungen – und die ethischen Fragen
Aber diese Art der KI-Nutzung hat Voraussetzungen.
Erstens: Es braucht sehr saubere Agenten. Keine Standard-ChatGPT-Abfragen. Sondern spezialisierte Agenten, die trainiert sind auf systemtheoretisches Denken, auf Mustererkennung, auf die spezifische Organisation.
Zweitens: Sie braucht vollen Zugriff. Die KI muss Mails lesen können. Meetings transkribieren. Entscheidungswege nachvollziehen. Ohne diesen Zugriff bleibt sie oberflächlich.
Und hier beginnen die ethischen Fragen.
Darf die KI alle Mails lesen? Auch private?
Was sagt der Datenschutz? Was sagen die Mitarbeitenden?
Darf die KI Menschen bewerten? Was, wenn sie Muster erkennt, die diskriminierend wirken? “Frauen werden in 80% der Fälle seltener befördert.” Was dann?
Das sind keine technischen Fragen. Das sind Machtfragen.
Wer Zugang zu allen Mustern hat, hat Macht. Und Macht ohne Reflexion ist gefährlich.
Drittens: Es braucht eine kritische Distanz. Die Gefahr ist real, der KI zu sehr zu vertrauen. Darauf ist sie in ihrer DNA ausgerichtet. Ihre Vorschläge als Wahrheit zu behandeln. Ihre Muster nicht zu hinterfragen. Menschen dazu zu bewegen sie als Freund zu betrachten.
Der Unternehmer muss diese schwierigen ethischen Entscheidungen in den nächsten 12-24 Monaten treffen, wenn er wettbewerbsfähig bleiben will. Bewusst und fundiert.
Bevor er sich etwas einhandelt, was er nicht wollte.
Die unternehmerische Aufgabe: Den Agenten bauen
Solche KI-Agenten sind kein reines Tool, das man kauft.
Sie sind ein Partner für die Arbeit am System.
Der Unternehmer muss ihn nicht alleine bauen. Aber er darf es nicht als ein weiteres Projekt betrachten und an die operative Ebene delegieren.
Er sollte der Owner sein.
Warum?
Weil der Agent die Werte, die Ziele, die Prinzipien des Unternehmers kennen muss.
Welche Muster soll die KI erkennen? Welche ignorieren?
Was ist ein Problem? Was ist gewollt?
Wenn der Unternehmer sagt: “Ich will, dass schneller entschieden wird”, dann muss die KI wissen: Schneller wofür? Auf Kosten von was?
Wenn der Unternehmer sagt: “Ich will mehr Eigenverantwortung”, dann muss die KI erkennen: Wo wird Eigenverantwortung verhindert? Durch welche Strukturen?
Das sind keine technischen Fragen. Das sind strategisch unternehmerische Fragen.
Und sie können nur vom Unternehmer beantwortet werden.
Der Unternehmer holt sich damit einen “lebendigen” Partner an die Seite. Und der sollte gut ausgesucht werden. Gut gebaut werden.
Der Agent ist eine Verlängerung des unternehmerischen Denkens. Nicht ein Ersatz.
Die zentrale Frage: Welche Entscheidungen delegiere ich?
KI kann Muster erkennen.
KI kann Lösungen vorschlagen.
Aber soll sie auch entscheiden?
Die Antwort liegt beim Unternehmer.
KI kann Entscheidungen treffen. Und sie wird es tun. Aber welche?
Die Frage ist nicht: Wird KI entscheiden?
Die Frage ist: Welche Entscheidungen delegiere ich? Und welche nicht?
Es gibt Entscheidungen, bei denen die Lösung bekannt ist. Lagernachbestellung. Routenplanung. Preisanpassungen. Keine Überraschungen.
Aber strategische Entscheidungen? Kulturelle Entscheidungen? Entscheidungen, die Menschen betreffen?
Hier trägt der Unternehmer die Verantwortung.
Wenn ein Unternehmer entscheidet, eine Abteilung umzustrukturieren, spürt er die Reaktion. Er sieht die Gesichter. Er hört das Zögern in der Stimme.
Er kann nachjustieren. Er kann erklären. Er kann Vertrauen aufbauen.
KI kann das nicht.
KI operiert auf der Ebene der Kommunikation. Menschen operieren auf der Ebene der Beziehung.
Und Entscheidungen, die Menschen betreffen, brauchen Beziehung.
Es braucht Kontakt. Verbindung. Nähe.
Die systemtheoretische Perspektive
Organisationen sind soziale Systeme. Entscheidungen sind Kommunikationen. Und Kommunikationen brauchen Adressaten.
Wenn die KI entscheidet, wer antwortet dann auf die Frage: “Warum habt ihr das entschieden?”
Die KI? Oder der Unternehmer?
Am Ende trägt immer ein Mensch die Verantwortung. Auch wenn die KI entschieden hat.
Der Unternehmer entscheidet, wie entschieden wird.
Und damit auch, ob er die KI Entscheidungen treffen lassen will.
Ich vermute, dass KI mächtiger und selbstständiger werden wird, als manche vermuten. Und damit wird diese Entscheidung immer drängender.
Persönliches Beispiel: Mein KI-Supervisor
Ich habe mir einen Supervisor gebaut.
Ich habe entschieden, dass er mich hinterfragen, challengen und schärfen soll.
Er kennt Systemtheorie. Er kennt Niklas Luhmann. Er kennt meine Entscheidungsmuster.
Ich füttere ihn mit meinen Gedanken. Mit meinen Zweifeln. Mit meinen Entscheidungen.
Und er gibt mir Rückmeldungen.
Er erkennt Muster, die ich selbst nicht sehe.
Aber ich habe auch entschieden: Am Ende entscheide ich.
Ich habe noch keinerlei Entscheidungen an die KI delegiert.
Ich weiß nicht, ob das so bleibt.
Die Entwicklung ist zu dynamisch. Selbst für mich ist es schwer, dranzubleiben. Und ich beschäftige mich viel damit, weil meine Mandanten nicht die Zeit dafür haben.
Es ist eine große Herausforderung, sich die nötige Priorität dafür zu nehmen.
Wieder eine Entscheidung.
Handlungsempfehlung
Meine Empfehlung lautet: Über den Faktor Zeit gehen.
Ich empfehle, dass Unternehmer sich einen halben Tag pro Woche nur für das Thema KI Zeit nehmen.
Um damit selbst zu spielen. Zu testen. Zu lesen. Sich fit zu machen.
Ein erster Schritt könnte sein: Die KI zu bitten, mit dem Unternehmer den Prompt für den Agenten zu erarbeiten, der die Muster erkennen soll. Sich mit diesem Prompt sehr intensiv zu beschäftigen - im Dialog mit der KI. Crazy.
Nicht um die perfekte Lösung zu finden. Sondern um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo KI hilft – und wo nicht.
Hier kann auch ein persönlicher KI-Berater helfen.
Aber die relevante Entscheidung lautet: Diesem Thema Priorität im Kalender einräumen.
Denn Zeit ist das knappste Gut des Unternehmers.
Fazit
KI wird Mustererkennung demokratisieren.
Sie wird Unternehmensberatung verändern.
Sie wird strategische Arbeit schneller und zugänglicher machen.
Sie wird Entscheidungen treffen. Welche – das entscheidet der Unternehmer.
Aber die Interpretation bleibt menschlich. Die Verantwortung bleibt menschlich.
KI erkennt Muster in Daten.
Menschen erkennen Muster in Menschen.
In meiner Arbeit erlebe ich: Muster zu erkennen, ist das eine. Dem Unternehmer zu helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist das andere. Das braucht Kontakt, Nähe und eine Persönlichkeit, die nicht kopierbar ist.