Wir wissen nicht, wie wir entscheiden 

Warum das Verständnis von Entscheidungen eine der wichtigsten unternehmerischen Fähigkeiten ist. Und warum wir dabei systematisch falsch liegen. 

04.09.2026

Wir wissen nicht, wie wir entscheiden 

Warum das Verständnis von Entscheidungen eine der wichtigsten unternehmerischen Fähigkeiten ist. Und warum wir dabei systematisch falsch liegen. 

04.09.2026

Entscheidungen sind die Kernfunktion von Organisationen. 

Das klingt banal. Es ist es nicht. Jede Strategie, jede Investition, jede Personalwahl, jede Priorität setzt eine Entscheidung voraus. Wer passend entscheidet, baut etwas auf. Wer unpassend entscheidet, baut ab. Entscheidungsqualität ist Unternehmensqualität. 

Und trotzdem wissen wir erstaunlich wenig darüber, wie Entscheidungen wirklich entstehen. 

Was eine Entscheidung ist 

Fangen wir mit einer Definition an, die zunächst seltsam klingt: Eine Entscheidung ist nur dort nötig, wo Wissen fehlt. 

Ein Beispiel. Dasselbe Auto. Beim einen Händler für 10.000 Euro, beim anderen für 20.000 Euro. Hier muss nicht entschieden werden. Die Antwort ist offensichtlich. 

Anders: Das Auto für 20.000 hat meine Wunschfarbe. Das für 10.000 ist pink. Jetzt sind die Optionen gleichwertig und plötzlich muss ich wirklich entscheiden. Weil kein Wissen mehr die Antwort liefert. 

Echte Entscheidungen sind daher immer Wetten in eine ungewisse Zukunft. Sie entstehen genau dort, wo Kalkulation aufhört. 

Zwei Arten von Wissen 

Bevor wir weitergehen, eine wichtige Unterscheidung. 

Es gibt Wissen, das alle teilen. Physik. Mathematik. Zahlen, echte Fakten. Der Kugelschreiber fällt, wenn ich ihn loslasse. Das ist kein Glauben, das ist Wissen. Wo dieses Wissen existiert, muss nicht entschieden werden. Dort wird berechnet oder abgeleitet. 

Und es gibt inneres Wissen. Das "So muss es sein" des Unternehmers. Die Vision, die er nicht vollständig erklären kann, die aber in ihm lebendig ist. Die Überzeugung, dass dieser Markt, dieses Produkt, dieser Mensch richtig ist. Nicht weil die Daten es beweisen, sondern weil etwas in ihm es weiß. 

Dieses innere Wissen ist im höchsten Maße irrational. Und es ist oft die stärkste und prägendste Kraft. Wer es hat, muss nicht entscheiden. Er hat Wissen tief in seiner Persönlichkeit verankert. Dieses innere Wissen zeichnet viele erfolgreiche Unternehmer aus. 

Wie wir wirklich entscheiden 

Wenn kein Wissen die Antwort liefert, weder extern noch intern, dann müssen wir entscheiden. Und hier beginnt das Problem. 

Wir glauben, wir entscheiden rational. Abwägend. Bewusst. Die BWL hat dafür die theoretische Grundlage geliefert: der Homo oeconomicus, der rationale Nutzenmaximierer, der alle Optionen bewertet und die beste wählt. 

Die Verhaltensökonomie hat dieses Bild seit Jahrzehnten demontiert. Was wirklich entscheidet, sind Prägungen, genetische Dispositionen, soziale Muster, frühere Erfahrungen. Wir entscheiden aus dem, was wir sind. Nicht aus dem, was wir wissen. 

Dazu kommt ein Mechanismus, den unser Ego besonders liebt: Rückwärts-Rationalisierung. Wir schauen zurück und erklären uns die Vergangenheit kausal. Ich habe das und das getan, deshalb ist das und das passiert. Das klingt nach Logik. Es ist Konstruktion. Eine gefährliche, weil daraus die Erfolgsfalle entstehen kann. Wir werden immer überzeugter, dass wir auch in Zukunft richtige Entscheidungen treffen werden, weil wir das anscheinend in der Vergangenheit getan haben. Bis der schwarze Schwan kommt. Die Überraschung, die ganz andere Entscheidungen erfordert. 

Diese Rückwärts-Rationalisierung ignoriert zudem etwas, das in Unternehmerkreisen ungern gehört wird: Glück. 

Viel von dem, was als unternehmerischer Erfolg gilt, ist Leistung multipliziert mit Glück. Sehr viel Erfolg ist Leistung multipliziert mit sehr viel Glück. Das widerspricht dem Narrativ des Machers, der durch Können und Entschlossenheit seinen Weg baut. Aber es ist ehrlicher und realistischer. 

Die provokanteste Entscheidungsmethode 

Wenn zwei Optionen wirklich gleichwertig sind, kein externes Wissen hilft und kein inneres Signal spricht: Was dann? 

Dann kann Würfeln eine legitime Entscheidungsmethode sein. 

Das klingt absurd im Unternehmenskontext. Es ist konsequent. Wer zwei wirklich gleichwertige Optionen hat, kann auch würfeln. Die ewigen Diskussionen und Abwägungen, die oft dann gemacht werden, kosten viel Zeit und Energie, ohne die Wahrscheinlichkeit einer besseren Entscheidung zu erhöhen. Es kann im Extremfall gelten: Besser gewürfelt als nicht entschieden. 

Der Würfel ist kein Abdanken von Verantwortung. Er ist ein Geständnis: Ich weiß es nicht. Und das ist ok so. 

Die Paradoxie 

Wer anerkennt, dass Entscheidungen weniger rational und kontrolliert sind als geglaubt, landet in einem Dilemma. 

Bin ich dann noch verantwortlich für meine Entscheidungen? Kann ich mir Erfolg zuschreiben, wenn Glück eine so große Rolle spielt? Kann ich aus Fehlern lernen, wenn ich nie sicher weiß, was wirklich ursächlich war? 

Die Antwort lautet: Ja. Beides stimmt gleichzeitig. 

Wir sind weniger in Kontrolle als wir glauben und trotzdem vollständig verantwortlich für das, was wir tun. Weniger Kontrolle bedeutet nicht weniger Verantwortung. Es bedeutet mehr Demut. 

Der Klick-Moment 

Ich habe fünfzehn Jahre lang mit Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung beraten. Menschen verstehen, ihre Muster erkennen, ihre Stärken nutzen. Das war mein Werkzeugkasten. 

Dann kam ein Unternehmen, in dem alle Einzelpersonen gut waren. Purpose, Sinn, Engagement, alles vorhanden. Alle wollten einen richtig guten Job machen. Und zusammen funktionierten sie nicht. 

Mit meinem bisherigen Werkzeugkasten hatte ich keine Erklärung. 

Dann beschäftigte ich mich mit der Systemtheorie. Und auf einmal hatte ich eine völlig andere Erklärung dafür, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Nicht die Persönlichkeiten waren das Problem. Die Strukturen waren es. 

Das hat bei mir Klick gemacht. Nicht als kleine Ergänzung, sondern als Erschütterung. Ich hatte fünfzehn Jahre lang geglaubt, die Welt funktioniert so. Und dann bekam ich eine komplett andere Erklärung. Die veränderte nicht nur meine Diagnose. Sie veränderte meine gesamte Beratungshaltung und mein Leben. 

Wissen, dass man nichts weiß 

Das Spannende ist: Das ist nie abgeschlossen. 

Da draußen schwirren so viele Ideen, Theorien und Perspektiven rum, die ich noch nicht kenne. Die mein Weltbild ergänzen, erweitern oder erschüttern könnten. Das ist keine beunruhigende Aussicht. Es ist eine befreiende. 

Wer weiß, dass er nichts weiß, rationalisiert weniger. Er verteidigt sein Weltbild weniger. Er prüft neue Impulse, statt sie abzuwehren. Er ist bereit, morgen anders zu denken als heute. 

Das ist keine Bescheidenheitsgeste. Es ist eine strategische Haltung. 

Wer glaubt, er habe das Entscheiden verstanden, trifft zukünftige Entscheidungen mit den Mustern der Vergangenheit. Wer weiß, dass er nichts weiß, bleibt offen. Und Offenheit ist in einer komplexen, dynamischen Welt vielleicht die wertvollste unternehmerische Eigenschaft überhaupt. 

Wann haben Sie zuletzt eine Überzeugung aufgegeben, weil Sie etwas Neues erkannt haben?